Sauen unterm Halbmond

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Sauen unterm halbmond
Die besten Keiler-Trophäen
Pelzdecke
So schön können Goldschakale sein
Sauen unterm Halbmond

Sauen unterm Halbmond

Broschiert  – 1996 192 Seiten, zahlreiche Abbildungen S/W

von Reinald von Meurers

Inhaltsverzeichnis
– Wie alles begann
– Wild und Jagdbedingungen
– Sauen, Sauen, Sauen
– Jagdgeschichten ums Schwarzwild
– Ansitz an der Dieselsuhle
– Erichs Hustekeiler
– Hauptschwein im Steinbruch
– Weltrekordkeiler
– Treibjagd
– Erfahrungen mit Jagdterriern
– Nierensteinsau
– Nächtliche Abenteuer
– Wasserlochkeiler
– “Hans sein Keiler”  Täuschung im Mondlicht
– Listige Goldschakale
– Füchse, Katzen, Federwild
– Flinke Gazellen   Scheue Mähnenschafe
– Kleiner Arabischführer

Auf der Hafengroßbaustelle Arzew El Jedid in Westalgerien war unser Steinbruch von zentraler Bedeutung. Die Steine der Kais und des quer vor dem zukünftigen Hafen liegenden, aus zwanzig Meter Tiefe aufgeschütteten, rund zweieinhalb Kilometer langen Wellenbre-cherdammes wurden dort aus den Löwenbergen gebrochen.
Wegen des knappen Zeitplans zur Fertigstellung des Flüssiggashafens, wurden rund um die Uhr in Tag und Nachtschichten auf vier Arbeitssohlen in der Felswand Steine in der Größe von 0,8 bis 25 Tonnen gewonnen. Der Steinbruch war ebenso wie der Erdgashafen Ende der 70er Jahre der größte der Welt. Dementsprechend hoch war der Streß für Menschen und Maschinen.
Eines Tages sprach mich der für die Nachtschicht verantwortliche Sprengmeister an, da er häufig mit seiner Schichtleistung in Verzug geriet. Wegen des häufigen Erscheinens einer einzelnen, starken Sau, wären die rund achtzig einheimischen Arbeiter infolge der Angst vor dem wehrhaften Wild sehr unruhig, der Arbeitsrhythmus wäre unterbrochen.
Die Wutz zöge ohne Furcht vor dem Lärm der Maschinen, den langsam fahrenden Schwertransportern, Greifbaggern und dem gleißenden Licht der Scheinwer
ferbatterien im Bereich der unteren Arbeitssohle in dem chaotischen Gewirr aus Felsblöcken umher.
Da der Keiler aber erst sehr spät gegen zwei Uhr erschiene, wage er nicht, mich zu rufen. Zwar sei die Jagdleidenschaft des Baustellendoktors allseits bekannt, nach der anstrengenden Betreuung von rund fünfhundert Europäern und zweitausendzweihundert Algeriern müsse er aber meine Nachtruhe respektieren.
Schmunzelnd klärte ich ihn auf, daß er mich zur Jagd jederzeit rufen könne. Meine Frau war sicher nicht dieser Ansicht. Sie mußte unter meiner intensiven Jagdausübung leiden. Eine gestörte Nacht mehr würde den Krug wahrscheinlich nicht zum Überlaufen bringen.
Aus meiner Kindheit war mir das saisonale Tief in den elterlichen Beziehungen zur Zeit der Reh und Hirschbrunft bekannt. Meine Mutter war nicht begeistert, wenn der Vater nur sporadisch ein häusliches Gastspiel gab. Als ich jagdlich aktiv wurde, gingen wir dann zusammen auf die Pirsch.
Ich ermunterte den Sprengmeister mich unbedingt das nächste Mal zu alarmieren, wenn der Keiler wieder seine “Nachtschicht” begönne. Er solle einen “Notfall” im Steinbruch melden. Ich wüßte dann schon Be-scheid, welcher Art dieser sei und käme mit geeignetem “Erste Hilfe Gerät”.
Drei Nächte später war es soweit, um zwei Uhr riß mich der quäkende Kasten des Funkgeräts im Schlafzimmer brutal aus dem süßen Schlummer auf dem Wasserbett. Ein “Notfall” nicht sehr dringend, aber ich möchte doch in den Steinbruch kommen !
Die Jagdhose und Ausrüstung lagen bereit. Ich griff meine Flinte, das aufsteigende Jagdfieber vertrieb die Müdigkeit und fuhr in Höchstgeschwindigkeit zum Steinbruch. Keine halbe Stunde später kam ich dort an.
Da mir der Sprengmeister erzählt hatte, daß der Keiler gern am gegenüberliegenden Berghang rund vierhundert Meter höher auf einem Stoppelfeld stünde, suchte ich zunächst dies mit dem Glas ab. Tatsächlich dort zeigte sich im gelben Feld ein markanter schwarzer Fleck.
Der stark bergabfallende Wind überdeckte die Geräusche meines Aufstiegs.
Die letzten zweihundert Meter schlich ich geduckt im Sichtschatten eines am Feldrand wachsenden Busches. Endlich war ich in guter Schußposition am Strauch angelangt und richtete mich vorsichtig mit schußbereiter Flinte hinter ihm auf.
So ein Käse, der schwarze Fleck entpuppte sich als Heuhaufen. Seine gedrungene Form hatte meine überhitzte Phantasie in die Irre geführt, eine halbe Stunde war sicher durch diese spannende Pirsch verloren gegangen.
Über loses Geröll, Zwergpalmen und Ginster hastete ich bergab und rief mit meinem Sprechfunkgerät den Bekannten, der mittlerweile schon ungeduldig auf mich wartete.
Der Keiler sei auf der ersten Arbeitssohle, äse Disteln und suche ungeniert unter den Felsblöcken nach Mäusen und Kerbtieren.
Diese rund zwanzig bis dreißig Meter breiten und tausend Meter langen Sohlen waren durch elektrisch gezündete Sprengungen mit Dynamit und Ammonium Nitrat treppenstufenartig aus der Felswand herausgearbeitet worden. So eine Explosion war gewaltig, das Schauspiel, aus sicherer Entfernung betrachtet, jedesmal ein Spektakel, wenn ein orange gelb braun gefärbter Staubkegel sich aus dem Berg hoch aufpilzte. Sprengungen dieser Größe wären in Deutschland wegen der erdbebengleichen Erschütterung aus Sicherheitsgründen nicht zulässig.
Aus dem herausgesprengten Geröll suchten die auf den Sohlen arbeitenden Greifbagger die in verschiedene Größen eingeteilten Steine heraus und luden sie auf die ständig an und abrollenden überbreiten LKW. Zum Teil wogen die “Hinkelsteine” dreißig Tonnen. Solcherart überladen, rollten die Mack LKW langsam im Schrittempo auf der rechten Steinbruchseite eine steile Rampe bergab und dann auf einer extra gebauten, nur für Baustellenverkehr zugelassenen Straße rund dreißig Kilometer zur Hafenbaustelle.
Links führte eine steile Auffahrtsrampe die leeren LKW auf die Sohlen, die diese im Schrittempo bezwangen.
Das kam mir zugute. Ich konnte so, im Geräusch und Sichtschutz neben dem bergauffahrenden LKW gehend, schußbereit die Höhe des im Gebräch vertieften Kei
lers erreichen. Der Lastkraftwagen rollte weiter bergauf. Ich blieb dort stehen und hatte den schwarzen Keiler auf vierzig Meter vor mir. Er war mit dem Umdrehen dicker Felsbrocken beschäftigt, die bisher eine sichere Heimstatt für ganze Mäusesippen geboten hatten. Im lärmenden Dauerbetrieb des Steinbruchs wagten sich Goldschakale, ihre Feinde, nicht heran, die Mäuse hatten sich ungestört vermehrt.
Aber noch befand er sich ungünstig im Halbschatten. Ungeduldig mußte ich einige, mir endlos erscheinende Minuten verstreichen lassen, bis er gut ausgeleuchtet von den Bündeln Halogenscheinwerfer des Stein-bruchs breit stand. Im Knall der mit Flintenlaufgeschoß geladenen Flinte fiel er schlagartig zusammen, ein auf Krellen der Wirbelsäule verdächtiges Schußzeichen. Ich versuchte deshalb flink, durch das Ge-wirr der Felsbrocken zu ihm zu gelangen.
Doch schon, nachdem ich wenige Meter geklettert war, wurde er hoch und flüchtete unter imponierendem Wetzen seiner blitzenden Waffen auf mich zu. Oder nahm er an ? Jedenfalls zögerte ich nicht lange und setzte ihm auf vier Meter die als zweite Patrone geladenen Sauposten aufs Haupt. Das vertrug er nun überhaupt nicht und ging über Kopf. Vor mir lag ein sehr alter Keiler, die Backenzähne waren tief abgenutzt, die Durchmesser der sehr schönen, vierundzwanzig Zentimeter langen und vierundzwanzigeinhalb Millimeter dicken Gewehre waren an der Wurzel und der Austrittsstelle aus dem Kiefer gleich dick, nach Brandt also mindestens sieben Jahre alt.
Die Haderer wie ein Kaiser Wilhelm Schnurrbart gebogen, waren lang ausgezogen, tiefbraun gefärbt und hatten acht Zentimeter Umfang.
Ungewöhnlich war die Schwarte des uralten Keilers. Der aufgebrochen nur sechzig Kilogramm wiegende Urian, hatte im Gegensatz zu der normalerweise kurzen, grauen Sommerschwarte lange dunkle Borsten.

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